klangstaetten | stadtklaenge: Konsumverein
Petri-Friedhof

Schon 1638 besaß die St. Petri-Gemeinde südwestlich des Rennelbergs ein Flurstück von 7.500 qm. Als die Bestattungen nicht mehr unmittelbar an den Kirchen erfolgen durften, bestimmte die Gemeinde 1757 von diesem Gelände zwischen Alerdsweg und Goslarscher Straße 1.250 qm zum neuen Gemeindefriedhof. Schon 50 Jahre später wurde erweitert, nach nochmals 50 Jahren 1856 wurde Fläche dazu gekauft und die bis heute erhaltene Platanenallee angelegt. 230 Jahre, bis kurz nach der Eröffnung des Zentralfriedhofs 1887, wurde hier beigesetzt.

1957 wurde auf dem ehemaligen Friedhofsgelände ein freikirchlicher Gemeindesaal errichtet, wie bei vielen der historischen Friedhöfen begann also eine Verkleinerung durch Überbauung. 1977 schloss die Kirchengemeinde einen Nutzungsvertrag mit der Stadt Braunschweig und der Friedhof wurde als Parkanlage freigegeben. Dennoch veränderte das langgestreckte Areal mit dem Grab des bedeutenden Arbeiterführers Wilhelm Bracke kaum seine Gestalt. Anders als viele der Friedhöfe entlang der Okerumflut lässt es zumindest in diesem noch erhaltenen Teil bis heute seinen ursprünglichen Charakter erkennen: Wege, Grabreihen – die Ordnung und die Ruhe sind erhalten. Das wuchernde Efeu und die seltsam überformten Grabsteine tragen nicht unerheblich zu einer besonderen Aura des Ortes bei.

Die schwedische Klangkünstlerin Åsa Stjerna erforscht mittels Klang und Hörsinn öffentliche Räume und ihre Artikulation im urbanen Umfeld. Sie spürt ortsspezifischen historischen, sozialen und politischen Strukturen nach und macht sie wahrnehmbar. Die zusammen mit Rolf Giegold (Berlin) entwickelte dauerhafte Klanginstallation AtmoSpaces in der Akademie der Künste Berlin, 2009, offenbart den Einfluss der Akustik auf die Atmosphäre von Räumen. Das Klangmaterial live aufgenommener Geräusche wird zufällig gemischt und gefiltert und direkt vor Ort über Lautsprecher wiedergegeben. Unterschwellig entstehende Geräusche wie das Brummen einer Belüftungsanlage, Schritte und Stimmen von Besuchern eröffnen ein sensibilisierendes Wahrnehmungsfeld zwischen Realität und Fiktion.

Verschiedene Realitätsebenen offenbart auch die 2014 im Auftrag der Swedish Art Agency entstandene dauerhafte Klanginstallation The Well/Le puits im Schwedischen Institut in Paris. In einem trockenen Brunnen wird die Geschichte seines Standortes intoniert, in dem Stjerna in Archiven recherchierte Persönlichkeiten der Umgebung aus früheren Jahrhunderten und der Gegenwart durch die Aussprache ihrer Namen von Schauspielern in einem wechselnden Klang-Loop in Erinnerung ruft.

Nach einem Studium der Philosophie von 1989 bis 1990 an der Universität Stockholm, 1994 einem Bachelor in Fotografie an der Kunsthochschule Stockholm, zwei Jahren als „project student“ an der Königlichen Kunsthochschule Stockholm (1999-2001), promoviert Åsa Stjerna derzeit zum Thema Klangkunst im öffentlichen Raum an der Universität Göteburg.

Neben ihren Installationen in der Akademie der Bildenden Künste Berlin (2009, in Kooperation mit Rolf Giegold) und dem Swedisch Institute in Paris (2014), war sie an zahlreichen Ausstellungsprojekten beteiligt. So zum Beispiel an der Transmediale, Berlin 2013, den Nordic Music Days, Stockholm 2012, wie auch den ULTIMA Contemporary Music Festival, Oslo 2011. 2009 bis 2011 war sie Dorothea-Erxleben-Stipendiatin der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. Arbeiten von Åsa Stjerna befinden sich in internationalen Sammlungen wie dem Britischen Museum London, der Hasselblad Stiftung Göteburg, dem Schwedischen Nationalmuseum Stockholm und dem Museum für Moderne Kunst Stockholm.

Die Künstlerin lebt und arbeitet in Stockholm und Berlin.
www.asastjerna.se

2017, 45 Lautsprecher, Klanginstallation

Bei klangstaetten | stadtklaenge 2017 ist diese Klangkunstarbeit als einzige nur auditiv wahrnehmbar. Nichts deutet auf eine Installation hin, nichts irritiert die bis heute deutlich sichtbare Anlage als Friedhof, die Arbeit fügt sich ein und verändert kaum merklich die tonale und atmosphärische Qualität des Ortes. Der Herzschlag, so einzigartig wie ein Fingerabdruck, wird als grundlegender Rhythmus des Lebens zum kompositorischen Ausgangspunkt: Ausgangspunkt der Überlegungen und Ausgangspunkt für eine kontrapunktische Komposition mit dem Friedhof und der Stille der Gräber als die eine Stimme und einer großen Menge von Herzschlägen als die andere.

Entlang der Mittelallee blicken wir auf die Reihen der von Efeu überwucherten Gräber, verwitterte Schriften, verblasste Erinnerung – eine besondere Aura ist zu spüren. Åsa Stjerna nimmt sie mit ihrer Klangkunstarbeit auf, macht sie bewusster und erlebbar im Gefüge urbaner Geräusche: Ein synchronisiertes, sich über die Zeit stetig wandelndes Klangfeld, basierend auf imaginären Herzschlägen, legt sich über das Grün wie ein Echo früherer Zeiten. Der Gang zwischen den verwitterten, übermoosten und bewachsenen Steinen wird zu einem Gang durch ein Meer von Tönen – gegenwärtiges Leben und vergangenes verbinden sich unmittelbar in diesem poetischen Moment.

Manfred Fox danken wir für die technische Realisierung, der Einhorn-Apotheke für die energetische Unterstützung.

Klang | Kunst | Schule

Termine

Führungen

Für klangstaetten | stadtklaenge 2017 erweitert sich seit einem Jahr kontinuierlich das schon erprobte und vielfältige Vermittlungsangebot des Allgemeinen Konsumvereins an alle Interessierte, an Schulklassen, Lehrkräfte und Vermittler_innen durch Angebote von Workshops, Schulungen, Vorträge und speziellen Führungen.

Klang | Kunst | Schule erfährt eine besondere Intensität:
„Es gibt immer etwas zu hören!“ - „Ich liebe es, wenn es raschelt!“ Wenn junge Lernende ihr Gehör bewusst nutzen und sich intensiv mit Klang beschäftigen, eröffnet sich ihnen eine neue Welt. Sie werden zu aktiven Zuhörern, Sammlerinnen, Archivaren und Erfinderinnen. Klang und Geräusche befähigen sie zum Perspektivwechsel vom Weg- und Überhören zum bewussten Hin-Hören, zum Anders-Hören-Lernen. Dieses Neu-Hören erbringt ein neues Gefühl von sich in der Welt, von sich genau an diesem Ort:
Den Klassenraum als Klangraum begreifen, den Klang der Schritte der Anderen kennen, die eigenen Geräusche merken, die Orte durch ihre Geräusche bestimmen, Atmosphären wahrnehmen und Hörerfahrungen als angenehm, betörend oder Nerv-tötend beschreiben, Materialien auf ihre Klangqualität prüfen – kurz: zu beginnen, mit den Ohren zu denken.

Die Kooperation mit der Realschule Sidonienstraße

An der Grundschule St. Joseph:

Klang Kunst Führungen für Schulklassen

Xavier hat klangstaetten stadtklaenge mit ziemlicher Wucht beendet.
Die historischen Friedhöfe wurden wegen akuter Gefährdung geschlossen.
Wir müssen die geplante Finissage am 8. Oktober absagen.

Allerdings können alle Interessierten am Sonntag um 11.00 und 14.00 an der Gehperformance der Kangkünstlerin katrinem aus Berlin mit Start Allgemeiner Konsumverein teilnehmen.

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Projekttelefon: 0176 80142728 | info@klangstaetten.de
Allgemeiner Konsumverein e. V. | Hinter Liebfrauen 2 | 38100 Braunschweig

Konsumverein

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